Du wirst enttäuscht. Garantiert. Immer wieder.
Und wahrscheinlich lebst du – wie die meisten Menschen – im Bewusstsein: Wenn ich enttäuscht werde, gebe ich mein Vertrauen auf.
Wir möchten grundlegende Irrtümer in Bezug auf Vertrauen aufdecken und dir eine Möglichkeit zeigen, nicht mit jeder Enttäuschung gleich dein gesamtes Vertrauen zu verlieren. Dazu müssen wir erst verstehen, wovon Vertrauen abhängig ist – und warum wir als Menschen misstrauen.
Denn du kannst nicht einfach hingehen und sagen: Ich habe fünfen vertraut und da war ich enttäuscht, aber beim sechsten klappt es. So funktioniert dein Verstand nicht. Er wird immer die Lücke suchen.
Du wurdest im Vertrauen geboren – nicht im Misstrauen
Die Psychoanalyse geht davon aus, dass Kinder von Geburt an nicht vertrauen – dass Urvertrauen erst durch Feinfühligkeit der Mutter aufgebaut werden muss.
Wir widersprechen dem. Denn wie kann man etwas aufbauen, was man nicht kennt? Das hieße, dass Kinder von Anfang an in Misstrauen und Angst leben – ein gestörtes Verhältnis zur Natur.
Unsere Gegenthese: Du brauchst Vertrauen, um Misstrauen überhaupt erfahren zu können. Nicht umgekehrt. Das ist wie als würdest du im Wasser fliegen wollen – es geht nicht. Wahrscheinlich ist es eher so: Du fällst aus dem Paradies des Vertrauens heraus und lernst Misstrauen als Kontrast kennen.
Kinder sprechen in den ersten zwei Jahren nicht von sich als „ich“. Sie nennen ihren Namen, reden von sich in der dritten Person. Sie sehen sich wie die Umwelt – als wäre alles eins, keine Trennung. In diesem Zustand leben sie im Kontext von Vertrauen, von Geborgenheit. Sie würden es nicht einmal „Vertrauen“ nennen. Das ist eine erwachsene Interpretation. Es ist einfach ihr natürlicher Zustand.
Irgendwann aber müssen sie sich individuieren. Sie müssen ein Ich entwickeln. Wer bin ich, wenn ich nicht du bin? Das Ego ist dafür nötig – und wer es immer verteufelt: Du brauchst es. Du brauchst es, um dich erkennbar zu machen und dich selbst zu erkennen.
Wie Misstrauen entsteht – und was Kinder uns zeigen
Misstrauen entsteht als Folge der Erfahrung von Enttäuschung. Enttäuschung ist die mental-emotionale Folge einer Unterbrechung der Erwartung – ein unerwartetes negatives Ereignis, mit dem man nicht gerechnet hat.
Zum Beispiel: Die Eltern halten ihr Wort nicht, in den Zoo zu gehen, und tun es nicht. Kinder merken das – besonders wenn es sie persönlich betrifft.
Aber Kinder ziehen zunächst keine Schlussfolgerungen daraus. Sie sind enttäuscht, vertrauen aber trotzdem. Sie fallen vom Baum, stehen auf und klettern wieder. Das ist kein langes Leiden.
Ein eigenes Beispiel: Unser Sohn, damals anderthalb, kletterte auf einen Stuhl und sprang herunter – immer wieder. Irgendwann fiel er hin. Er schaute uns an, war unverletzt – und kletterte sofort wieder rauf und sprang erneut. Er dachte: Es hat 20 Mal geklappt, nur einmal nicht. Warum soll ich aufhören? Wir Erwachsenen hätten nach dem zweiten Sturz aufgehört und gesagt: Das hat mich enttäuscht.
Ab dem 5. oder 6. Lebensjahr beginnt sich das zu verändern. Kinder merken, dass sie manche Dinge kontrollieren können – wie sie auf einen Baum klettern, wie sie ein Computerspiel gewinnen. Und sie fangen an, Erwachsenen-Strategien zu entwickeln: Ich habe schlechte Gefühle, ich habe Schmerz, ich vertraue nicht mehr. Der Rückzug beginnt.
Das Misstrauensgefängnis
Das Muster sieht so aus: Du vertraust, wirst enttäuscht, ziehst dich zurück als Schutz vor weiteren Enttäuschungen. Aber du wirst trotzdem wieder enttäuscht.
Das Paradoxe: Statt zu schlussfolgern, dass der Rückzug nichts bringt, ziehst du dich noch mehr zurück. Das machen auch Schulen und die Politik so. Bis du irgendwann die Schlussfolgerung ziehst: Dann vertraue ich lieber ins Misstrauen. Und dann bist du im Mistrauensgefängnis.
Gesellschaftlich haben wir dabei drei große Vertrauensirrtümer entwickelt. Welche das sind – und wie du sie auflöst – liest du in Teil 2
